Cátia dos Santos, Portugal

Cátia dos Santos, Portugal

Nach fünf Jahren fühle ich mich als Baslerin

Ich mag das Gedankenspiel, dass das Leben wie ein Fluss ist: Es geht nur in eine Richtung und wird von neuen Erfahrungen und Begegnungen bereichert. Der Fluss fliesst durch mehrere Gebiete und kennt keine Grenzen. Dieses Bild gilt im übertragenen Sinne auch für mich.

An Basel gefällt mir besonders der Rhein. Ich mag das Gedankenspiel, dass das Leben wie ein Fluss ist: Es geht nur in eine Richtung und wird von neuen Erfahrungen und Begegnungen bereichert. Der Fluss fliesst durch mehrere Gebiete und kennt keine Grenzen. Dieses Bild gilt im übertragenen Sinne auch für mich. Mit 20 Jahren zog es mich aus Portugal ins Ausland. Eigentlich wollte ich nur Auslandserfahrungen sammeln, das Leben steckt aber voller Überraschungen. Durch das Studium und erste Arbeitserfahrungen habe ich in mehreren Ländern leben dürfen, 2014 bin ich nach Basel gezogen. Seither hat sich in meinem Leben Einiges verändert.

Aller Anfang ist schwer und meine Ankunft in Basel war davon keine Ausnahme. Ich wurde mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 und der Diskurs betreffend Migration im öffentlichen Leben führten bei mir zu einer gewissen Unsicherheit: Inwiefern bin ich in diesem Land willkommen?

Zum Glück fühle ich mich heute nicht mehr so. Ich bin resilienter geworden und auch innerhalb der Gesellschaft hat sich etwas verändert: Gegen migrationsfeindliche Diskurse werden verschiedene Initiativen ergriffen. Ich selbst will auch etwas in dieser Hinsicht bewegen, darum wirke ich in einem Projekt zur politischen Partizipation von und mit Migranten/-innen mit. So kann auch ich etwas zur Veränderung des aktuellen politischen Diskurses in Bezug auf Migration beitragen.

Auch in meinem beruflichen Alltag als Teilzeitangestellte der GGG Stadtbibliothek kann ich etwas bewegen. Ich darf Literaturempfehlungen ausstellen, womit ich eine Verbindung zwischen der Kundschaft und mir schaffen kann. Eine Bibliothek ist ein sehr motivierendes Arbeitsumfeld und eine simple Partizipationsmöglichkeit.

Mein Lieblingsort in dieser Stadt sind die Merian Gärten. Da finde ich Ruhe und Natur. Diese Gärten symbolisieren die Welt – hier sind Pflanzenarten aus überall zu finden.

Basel soll als offene und internationale Stadt ihre Vielfalt verstärkt als Mehrwert wahrnehmen und diese in all ihren Bereichen widerspiegeln lassen.

Sandrine Huet, Frankreich

Sandrine Huet, Frankreich

Eine ausgeprägte Solidarität in der Gesellschaft

Schon am ersten Abend konnte ich an einer WG-Party die ersten Freundschaften knüpfen. Dabei wurde mir sofort klar: mein Aufenthalt in der Schweiz wird länger als geplant.

Ich komme aus Westfrankreich, wo ich bis zum Beginn meines Masterstudiums lebte. Mein Zuhause habe ich aber schon mit 15 zum ersten Mal verlassen, als ich für einen Sprachaufenthalt nach Australien ging. Nach meinem Abschluss in englischer Literatur im englischen Newcastle erfuhr ich von einer Praktikumsstelle im Kunstbereich in Basel. So zog ich vor fünf Jahren nach Basel – mit nur einem Koffer und der festen Überzeugung, hier maximal ein Jahr zu verbringen. Schon am ersten Abend konnte ich an einer WG-Party die ersten Freundschaften knüpfen. Dabei wurde mir sofort klar: mein Aufenthalt in der Schweiz wird länger als geplant. Während des Praktikums lernte ich die deutsche Sprache und spürte den Wunsch, mich im kulturellen Bereich beruflich weiter zu entwickeln.

In Basel entdeckte ich aber nicht nur die ausgeprägte Liebe zur Kunst, sondern auch meinen Partner. Mit ihm gründete ich den Verein Nachtschicht. 2017 organisierte ich die Ausstellung «Girls Who Are Boys», welche sich der Inszenierung von Geschlechteridentitäten auf sozialen Medien widmet. Seit zwei Jahren studiere ich Kunstgeschichte an der Universität Basel und bin beim Museumspass tätig. In Basel veränderte ich mich deutlich. Ich überdachte mein Konsumverhalten und wurde Teil der Foodsharing-Bewegung. Kritisches Konsumieren war für mich vorher kein Thema, ist nun aber in meinem Alltag selbstverständlich geworden. In Basel gibt es viele Leute, die sich mit der Frage des kritischen Konsums auseinanderzusetzen und neue Wege gehen. Viele Initiativen aus der Zivilgesellschaft und eine ausgeprägte Solidarität innerhalb der Gesellschaft ermöglichen zudem Menschen mit wenig Geld, Lebensmittel kostenlos oder für wenig Geld zu erhalten. In Basel schätze ich die sehr gute Lebensqualität. Ich hätte wohl in keinem anderen Land arbeiten, studieren und mich gleichzeitig freiwillig engagieren können. Das ist einfach grossartig!

Migmar Wangdu Christoph Raith, Tibet

Migmar Wangdu Christoph Raith, Tibet

Basel soll eine weltoffene Grenzstadt bleiben

Ich bin Tibeter und Schweizer. Ich stehe zwischen zwei Kulturen und Welten. So wie die Mittlere Brücke Gross- und Kleinbasel verbindet, ist es mir ein Anliegen, Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Religionen zu schlagen.

Mein Name sagt schon viel über meine Persönlichkeit aus: Ich bin Tibeter und Schweizer. Ich stehe zwischen zwei Kulturen und Welten. So wie die Mittlere Brücke Gross- und Kleinbasel verbindet, ist es mir ein Anliegen, Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Religionen zu schlagen.

Als vierjähriges Kind bin ich mit 158 anderen tibetischen Kindern in die Schweiz gekommen. Zwischen 1961 und 1964 wurden wir auf Initiative des Geschäftsmannes Charles Aeschimann aus Olten in Schweizer Pflegefamilien aufgenommen.

Mit 19 Jahren habe ich zum ersten Mal meinen tibetischen Vater in Indien besucht. Ich konnte damals nur «Tashi Deleg» sagen, das heisst «guten Tag» auf Tibetisch. Ich brauchte einen Dolmetscher, um mit meinem Vater kommunizieren zu können. Während dieser Reise ist es mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich auch Tibeter bin. Ab diesem Zeitpunkt begann eine innere Entdeckungsreise.

Aufgewachsen bin ich in einer katholischen, aber sehr liberalen und weltoffenen Familie in Basel. Mein Grossvater sagte mir immer wieder, ich soll Bücher vom Dalai-Lama lesen. Meine Mama hat mich ermuntert, den Kontakt zu Tibet zu pflegen. So bin ich mit der tibetischen Gemeinschaft in Berührung gekommen und habe die Sprache gelernt. Heute engagiere ich mich im Verein Tibet-Freunde und im International Tibet Network. Dieses Engagement ist für meine tibetische Identität sehr wichtig. Zudem bin ich auch in einer Partei auf lokaler Ebene aktiv und im Vorstand des interreligiösen Forums. Diese Aktivitäten betreibe ich neben meinem Beruf als Lehrer.

Nicht nur das FCB Stadion St. Jakob Park ist mein Lieblingsort in Basel, auch die grossartige Aussicht auf der Mittleren Brücke liebe ich sehr. Die alte Universität am Rheinsprung liegt in der Nähe und symbolisiert das geistige Leben sowie die Offenheit der Stadt. Auf der anderen Seite gibt es gleichzeitig den Hafen zu sehen, und man kann auch beobachten, wie der Rhein weiterfliesst Richtung Meer und Richtung Welt.

Derci Auxiliadora de Arruda Ferreira, Brasilien

Derci Auxiliadora de Arruda Ferreira, Brasilien

Mein Herz schlägt für zwei Kulturen und Länder

In der Hoffnung auf ein besseres Leben habe ich vor 16 Jahren Brasilien verlassen. Damals war ich 19 Jahre alt und hatte die Möglichkeit, bei einer brasilianischen Familie in Basel als Babysitterin zu arbeiten.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben habe ich vor 16 Jahren Brasilien verlassen. Damals war ich 19 Jahre alt und hatte die Möglichkeit, bei einer brasilianischen Familie in Basel als Babysitterin zu arbeiten. Diesen Kontakt vermittelte mir meine Gotte, weitere Personen kannte ich hier nicht. Ein Jahr später habe ich mich entschieden in die Berufswelt einzusteigen und war an verschiedenen Stellen tätig: als Barkeeperin, als Reinigungskraft, als Verkäuferin. Nun habe ich den Lehrgang als Pflegehelferin erfolgreich abgeschlossen und arbeite in einem Altersheim. Es macht mich sehr glücklich, dass ich als Pflegehelferin einiges bewirken und mich beruflich weiterentwickeln kann.

Seit meiner Ankunft in der Schweiz hat sich mein Leben stark verändert. Persönlich bin ich pragmatischer geworden. Durch das Erlernen der deutschen Sprache habe ich viele neue Kontakte knüpfen können und ein Netzwerk aufgebaut. Bei der Arbeit habe ich enge Freundschaften geschlossen, so sind ehemalige Arbeitskolleginnen Teil meiner Familie geworden.

In Basel habe ich auch meinen Partner kennengelernt und mit ihm eine Familie gegründet. Seit einem Jahr bin ich Schweizerin und somit auch stimmberechtigt, was ich sehr schätze. Obwohl ich mein halbes Leben in Basel verbracht habe und mich hier wohl fühle, kehre ich regelmässig nach Brasilien zurück. Dort verbringe ich gerne meine Ferien und fühle mich auch zuhause. Mein Herz schlägt eindeutig für zwei Kulturen und Länder.

Mein Lieblingsort in Basel ist eindeutig die Bar Rouge. In diesem Lokal habe ich in diesen 19 Jahren viele schönen und lustige Momente erlebt.

Für das Tanzen habe ich keine Zeit mehr. In meiner Freizeit gehe ich nun Joggen oder mache Ausflüge mit der Familie. So muss man für jede Lebensphase, fast gleich wie bei der Zubereitung eines Gerichts, die passenden Zutaten finden und diese mit Liebe mischen.

Vivek Kumar, Indien

Vivek Kumar, Indien

Die Schweiz ist keine Insel

Für mich war das internationale Flair und die Nähe zu Deutschland und Frankreich sehr wichtig. Für die ganze Familie insbesondere für die Kinder ist eine internationale Umgebung bereichernd, weil man sich mit ganz unterschiedlichen Realitäten auseinandersetzen muss.

Nach meinem Ingenieurstudium in Indien war meine erste Station Deutschland, wo ich promovierte und schnell Deutsch lernte. Viele Inder wandern in die USA aus, da ihre Zweitsprache Englisch ist. Bald erhielt ich ein Angebot als Entwicklungsingenieur bei einer Schweizer Firma, die Messgeräte herstellt. Für mich war das internationale Flair und die Nähe zu Deutschland und Frankreich sehr wichtig. Für die ganze Familie insbesondere für die Kinder ist eine internationale Umgebung bereichernd, weil man sich mit ganz unterschiedlichen Realitäten auseinandersetzen muss. Da die Zukunft meiner Kinder offen ist und ich nicht weiss, wohin ihre Wege führen, ist das Erlernen verschiedener Fremdsprachen unabdingbar. Ich bin fest der Überzeugung, dass Kinder so früh wie möglich Englisch und weitere Landessprachen lernen sollten. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen fördert die Offenheit und Anpassungsfähigkeit. Das ist ein grosser Gewinn, den Basel bietet.

Im Vergleich zu Indien ist Basel als Industriestadt und die Schweiz im Allgemeinen ruhiger und grüner. Es besteht mehr Raum für die Bewohner/-innen, und die Luft ist deutlich besser.

Es ist mir ein Anliegen, dass sich die Schweiz nicht als geschlossene Insel verhält, sondern weiterhin gute Beziehungen mit ihren Nachbarländern pflegt und sich weiterentwickelt. Davon können wir alle profitieren. Diesen Ansatz vertrete ich auch auf politischer Ebene innerhalb meiner Partei.

Mich politisch und ehrenamtlich zu engagieren sehe ich als Teil meiner Integration. Verantwortung innerhalb der Gesellschaft zu übernehmen, ist wichtig und bietet eine gute Möglichkeit, neue Freundschaften zu knüpfen. Auch durch kleinere Schritte ist es möglich, etwas zu bewegen und zu verändern. In der Schweiz habe ich sehr viele und unterschiedliche Personen kennengelernt und bin mit verschiedensten Kulturen in Kontakt gekommen. Neben meiner Arbeit will ich mich für das Gemeinwohl und die künftigen Generationen einsetzen.

Melahat Yapici, Türkei

Melahat Yapici, Türkei

Niemand braucht sich seiner Herkunft wegen zu schämen

Mit 13 Jahren kam ich im Familiennachzug mit meinen Geschwistern in die Schweiz. Mein Vater lebte schon sieben Jahre hier, deshalb kannte ich ihn kaum. Unsere Mutter, entfremdet von ihrem Ehemann, blieb in der Türkei zurück. Diese Trennungen, zuerst vom Vater, dann von meiner Mutter, waren für mich sehr hart und prägend.

Mit 13 Jahren kam ich im Familiennachzug mit meinen Geschwistern in die Schweiz. Mein Vater lebte schon sieben Jahre hier, deshalb kannte ich ihn kaum. Unsere Mutter, entfremdet von ihrem Ehemann, blieb in der Türkei zurück. Diese Trennungen, zuerst vom Vater, dann von meiner Mutter, waren für mich sehr hart und prägend.
Nach meiner Ankunft in der Schweiz war ich mit vier Fremdsprachen konfrontiert: Schweizerdeutsch im Alltag, Deutsch, Französisch und Englisch in der Schule. Meine Schul- und Ausbildungszeit war eine grosse Herausforderung und ein Leidensweg. Es gab einige Lehrpersonen, welche aufgrund meines kulturellen und sprachlichen Hintergrundes nicht an mich glaubten. Jahrelang hatte ich das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin.

Vielleicht auch deshalb, weil ich mich unbewusst immer an den besseren Schüler/-innen orientierte. Ich versuchte lange, mich bestmöglich anzupassen und meine kulturelle Herkunft zu verbergen bzw. zu verdrängen. Heute weiss ich, dass dieses Verhalten eine Überlebensstrategie für mich darstellte, um voll und ganz auch als Teil dieser Gesellschaft anerkannt zu werden und meinem Bedürfnis – dazugehören – nachzukommen.

Ich fühlte mich auf meinem schulischen Weg sehr einsam und wollte besonders Kinder mit Migrationshintergrund unterstützen und ihnen den Weg erleichtern. Ich wurde Primarlehrerin und absolvierte einen Master in Fremdsprachendidaktik – also in dem Bereich, der früher mein grösstes Defizit war. Heute weiss ich, dass ich Vorbild für viele Kinder bin und ich kann sie zum Lernen motivieren. Meinen türkischen Hintergrund nehme ich mittlerweile als sehr vorteilhaft und als Bereicherung wahr.

Ich engagierte mich aktiv als Kompost- und Abfalltrainerin für Migrantinnen und Migranten, im «Café Secondas» und in einem Theaterprojekt gegen Fremdenfeindlichkeit. Ausserdem arbeite ich selbständig als Familienaufstellerin nach dem Prinzip «Ohne Wurzeln keine Flügel». Die Aufarbeitung der soziokulturellen Wurzeln ist wichtig, damit man sich gut integrieren kann.

An Basel liebe ich den Rhein und Fähre, die Altstadt, die Pärke, die schönen Brunnen mit bester Wasserqualität, die Sicherheit, die Ruhe und die vielfältig geprägten Quartiere. Die Gesellschaft hat durch die Migration einen grossen wirtschaftlichen und kulturellen Gewinn.